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Norbert Koch, der Leiter der Lidahilfe, auf der Feier zum 25-jährigen Bestehen der Aktion. Norbert Koch, der Leiter der Lidahilfe, auf der Feier zum 25-jährigen Bestehen der Aktion. Entstanden ist die Initiative aus einer spontanen Aktion Anfang der 1990-er Jahre heraus. Damals wurden in den ehemaligen Sowjetrepubliken ganze Stadtteile für die zurückkehrenden Soldaten der Roten Armee errichtet. In Lida war das beispielsweise Peter Wulff, der als Polier an der Entstehung der Siedlung „Potsdam“ in Lida beteiligt war. Er organisierte zusammen mit Claus Adamoschek den ersten Hilfstransport 1994, der eigentlich für ein Kinderheim außerhalb der Stadt Lida gedacht war. Da sich allerdings die Auslieferung der Hilfsgüter problematisch gestaltete, wurden die Sachen an das Sozialamt der Stadt Lida übergeben. Dieser Kontakt ist bis heute erhalten geblieben. Was in den vergangenen Jahren passiert ist, das beschreiben Norbert Koch und Ekkehard Giewald im Interview: 

Die Mauer war gefallen, der Kalte Krieg war vorüber. Anfang der 1990er-Jahre hatte die deutsche Bundesregierung großes Interesse daran, dass die Soldaten der russischen Besatzungsmacht aus der Bundesrepublik abziehen und nach Hause zurückkehren. Dafür wurden mehrere Milliarden Mark locker gemacht, um in den Heimatregionen der Soldaten Siedlungen für Offiziere zu bauen. Eine dieser Siedlungen steht im weißrussischen Lida, Potsdam heißt der Stadtteil bis heute, weil eine Potsdamer Firma an der Erbauung beteiligt war. Unter den deutschen Handwerkern war auch der Grevesmühlener Polier Peter Wulff. Er bekam das Elend hautnah mit, versprach Hilfe.

Und er hielt sein Versprechen. Peter Wulff, der 1998 kurz nach einem Hilfstransport verstarb, fand in Claus Adamoschek einen Partner. Im Herbst 1993 war es soweit. Eigentlich wollten Wulff und Adamoschek einem Kinderheim in Berosowka in der Nähe von Lida helfen. Doch Probleme mit den weißrussischen Behörden verhinderten dies. Schließlich wurde die 100 000-Einwohner-Stadt Lida zum Ziel der Reise, eine „Notlösung“, wie es in der Festschrift zum Zehn-Jährigen Bestehen der Grevesmühlener Initiative Lida-Hilfe steht. Diese „Notlösung“ existiert seit mehr als einem Vierteljahrhundert. 

„Das Besondere ist, dass wir seit Jahren Direkthilfe praktizieren, also keine staatliche Institution zwischengeschaltet ist“, sagt Ekkehard Giewald, Geschäftsführer des Kreisverbandes Nordwestmecklenburg des Deutschen Roten Kreuzes und einer der Koordinatoren der Lida-Transporte. Damit sei sichergestellt, dass die Hilfe auch da ankomme, wo sie gebraucht wird. Über die Jahre seien auch einige enge Freundschaften entstanden. „Wir freuen uns bei jeder Tour, unsere Freunde wiederzusehen“, sagt Ekkehard Giewald. Im Schnitt beladen die Lida-Helfer ihre Transporter mit etwa 100 Paketen. Darunter sind auch persönlich adressierte. Seit vielen Jahren bestehen zwischen Familien aus Deutschland und Weißrussland enge, herzliche Brief- beziehungsweise Paketfreundschaften.

Ekkehard Giewald (Mitte) im Gespräch mit einer Leiterin einer Kindereinrichtung in Lida, links Dolmetscher und "Cheforganisator" Dima Dudnik. Ekkehard Giewald (Mitte) im Gespräch mit einer Leiterin einer Kindereinrichtung in Lida, links Dolmetscher und "Cheforganisator" Dima Dudnik. „Entgegen der landläufigen Meinung hat sich in Weißrussland vieles zum Positiven entwickelt“, sagt Ekkehard Giewald. Vor allem in Sachen Infrastruktur habe das Land Fortschritte gemacht. Trotz der diktatorischen Verhältnisse habe der Staat zu einer gewissen Stabilität gefunden. Auch auf Schulbildung werde viel Wert gelegt. Die Kehrseite der Medaille ist der träge, teilweise störrische Behördenapparat. „Es ist ein Hindernis, dass nur wenige entscheiden dürfen“, sagt Ekkehard Giewald. Was das bedeutet, wird bei jeder Tour bereits am polnisch-weißrussischen Grenzübergang deutlich. Mehrere Stunden dauert es dort in der Regel, bis sämtliche Formulare ausgefüllt sind der Hilfstransport die Grenze passieren kann, wobei der Eindruck entsteht, dass nicht jeder Grenzmitarbeiter auch wirklich weiß, was er tut. „Man kann sich vorbereiten, aber jedes Jahr gibt es eine neue bürokratische Überraschung“, sagt Ekkehard Giewald. 

Dass sich in Weißrussland vieles verbessert hat, heißt jedoch nicht, dass humanitäre Hilfe nicht mehr nötig sei. „Armut ist überall auf der Welt auf den ersten Blick nicht zu erkennen. Wenn man das nötige Interesse hat, entdeckt man die Armut auch“, so Ekkehard Giewald. Und bei jedem Besuch in Lida ist zu spüren und zu sehen, dass noch viel Hilfe gebraucht wird, gerade wenn man die vermeintlich herausgeputzte Stadt Lida verlässt und die ärmlichen Vororte besucht. Viele Menschen, gerade Kranke und Rentner, sind Sozialfälle, müssen von wenigen Euro im Monat leben. Auch die Arbeitslöhne der Menschen reichen zumeist nur für das Nötigste. Gerade hier landen viele der Hilfspakete, die die Menschen aus Grevesmühlen und Umgebung Jahr für Jahr spenden. Vor allem Einrichtungen wie Kinder- und Altenheime sowie Schulen brauchen Unterstützung. Da ist die Dankbarkeit groß, wenn sich auch Firmen an der Hilfe beteiligen. So ist mit Möbeln der Schönberger Firma Palmberg ein Großteil des Lidaer Gymnasiums neu ausgestattet worden. Ein enger Draht besteht auch zum Sozialamt der Stadt, von wo aus die meisten Spenden verteilt werden. „Es ist ein Highlight, wenn sich die Kinder freuen. Da vergisst man den ganzen Stress“, sagt Norbert Koch, Geschäftsführer vom Fahrzeugservice Grevesmühlen und Cheforganisator der Touren.

Und zu tun gibt es - wohlgemerkt ehrenamtlich - viel. „Sobald wir von einer Tour zurückkehren, beginnen die Planungen für die nächste“, erklärt Norbert Koch. Im Schnitt zwei Transporte werden pro Jahr organisiert. Dafür müssen unter anderem Visa beschafft, Listen der Spenden erstellt, allerlei behördliche Formulare ausgefüllt und die Reiseroute sowie die Unterbringung vor Ort geplant werden.  „Es gab auch schon Situationen, da wollten wir alles hinschmeißen, gerade wenn auf einer Tour vieles schieflief“, erzählt Ekkehard Giewald. Doch wirklich ernsthaft wurde das nie in Erwägung gezogen. „Wir sind mit der Lida-Hilfe gewachsen und verwurzelt. Wir machen das mit Herzblut und aus Überzeugung“, bestätigt Norbert Koch. Dafür nehme man auch Ärger und Stress in Kauf.